"Der Gestank ist mir immer auf den Magen geschlagen"

Vor knapp 60 Jahren begann Helgard Gross bei der Continental ihre Ausbildung zur technischen Zeichnerin. Die meisten Fabrikgebäude sind verschwunden, bald werden hier mehrstöckige Häuser stehen. Bei einem Rundgang erinnert sie sich.

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MAI 2017

1959 setzte Helgard Gross zum ersten Mal den Fuß auf das Gelände von Continental in Limmer. Damals war sie 15 Jahre alt und begann bei dem Gummiunternehmen ihre Ausbildung zur technischen Zeichnerin. Bis auf ein paar Überreste sind die Fabrikgebäude verschwunden. Doch die Backsteingebäude, die noch stehen, sind für Gross aus ganz persönlichen Gründen bedeutsam, wie sie bei einem Rundgang erzählt.


„Es ist so schön, dass ich wieder einmal hier sein darf“, sagt die 73-jährige Helgard Gross und lässt ihren Blick über die Industriebrache streifen. Der große Conti-Turm ist mit Planen umhüllt, von der ehemaligen Großfabrik sind nur noch wenige Altgebäude stehengeblieben. Vor knapp 60 Jahren sah das noch ganz anders aus: „Da stand hier alles voll. Zu manchen Werkstätten musste man 15 Minuten über das Gelände laufen.“

Zielstrebig steuert die Frau das alte Verwaltungsgebäude an der Zufahrt zum Geläde an. Es ist komplett erhalten und saniert, ein Glück für die ehemalige Conti-Mitarbeiterin, denn hier hat sie einen Großteil der Ausbildung zur technischen Zeichnerin verbracht. „Ich war das einzige Mädchen unter 25 Jungs“, sagt sie. Der Schriftzug über dem großen Eingangstor aus Backsteinen ist verschwunden. „Da stand Continental Caoutchouc Und Gutta Percha Compagnie, das weiß ich noch ganz genau.“

„Die alte Tür zum Hauptgebäude ist noch die gleiche, die war früher schon so schwer. Und die alten Treppengeländer hier haben sich auch nicht verändert. Hier unten im Erdgeschoss war der Direktor. Zu dem musste ich eigentlich fast nie. Mein Zeichenbrett stand im dritten Stock. Das einzige was fehlt, ist der Pater-Noster-Aufzug. Der war für mich als junges Mädchen immer gleichzeitig spannend und beängstigend – ich hatte sowas ja noch nie gesehen.“

„Zu diesem Balkon gibt es eine eigentlich traurige Geschichte. Er ist der Grund, warum ich heute an der Krücke gehe. In meinem letzten Ausbildungsjahr habe ich öfter hier oben meine Mittagspausen verbracht. An einem Tag sollte das Laufmädchen hier die Blumen gießen und hat sich einen Spaß erlaubt und mich nass gespritzt. Ich bin prompt ausgerutscht und habe mir das Knie ausgerenkt. Das verfolgt mich bis heute und hat mir mehrere OPs eingebracht.“

Im Obergeschoss des Verwaltungsgebäudes ist heute eine Modeschule untergebracht. Vor einem Fenster in der dritten Etage bleibt Gross stehen. „Hier waren früher die Zeichenbüros und genau hier stand mein Zeichenbrett“, erzählt sie. Vor allem Gummispritzmaschinen hat die Rentnerin damals gezeichnet. Mit denen fertigte Continental dann sämtliche Produkte an: Wischblätter für Scheibenwischer, Matten, Bälle und Dampfkochtopfringe. „Nur das Schuhsohlenzeichnen hat mir nicht so viel Spaß gemacht“, sagt Gross, während sie aus dem Fenster blickt. „Ich war mehr so ein Technik-Typ.“

Auch mit dem Contiturm verbindet die 73-Jährige, die nach der Ausbildung in Limmer mit ihrem bereits verstorbenen Mann eine Autowerkstatt gründete, eine ganz eigene Geschichte: „Es muss irgendwann im Frühjahr oder Sommer gewesen sein. Wir jungen Leute sind über den Dachboden eines Fabrikgebäudes per Feuerleiter auf das Flachdach geklettert und haben da unsere Brote gegessen. Das Dach grenzte direkt an den großen Wasserturm und ich lehnte mich dort an und genoss die Sonne.“ Eine Erinnerung, die Gross noch heute die Tränen in die Augen treibt. Liebevoll hat sie den mächtigen Turm „ihren Turm“ getauft. Schon im Juli soll die Sanierung des denkmalgeschützten Bauwerks abgeschlossen sein. „Ich freue mich drauf, wenn ich den Turm dann wieder sehen kann.“

 


„Ich hätte nie gedacht, dass sich so viel verändert hat.“


Woran erinnert man sich noch, wenn man nach so langer Zeit zu seinem ersten Arbeitsplatz zurückkommt? Darüber muss Gross nicht lange nachdenken: „An den furchtbaren Gestank nach Gummi. Der ist mir bestimmt ein halbes Jahr lang jeden Morgen auf den Magen geschlagen.“ Unerträglich sei das gewesen, teilweise habe sie bis zum Mittag nichts essen können. „Und das muss man sich mal vorstellen. Ich war ja immer schon seit 4 Uhr auf den Beinen, weil ich fast anderthalb Stunden mit der Stadtbahn aus Kirchrode hierher fahren musste.“

An den Gedanken, dass auf dem Gelände, auf dem sie früher tagtäglich unterwegs war, bald Wohnhäuser stehen, kann sich Gross noch nicht gewöhnen. „Ich hätte nicht gedacht, dass sich alles so verändert hat“, sagt sie. „Und das geht ja jetzt noch lange so weiter.“ Die Rentnerin wünscht sich, dass zumindest die Altgebäude erhalten bleiben, damit sich auch noch viele Generationen an die Conti in Limmer erinnern werden. Der Rundgang ist fast zu Ende. „Ich bin gespannt, was sich hier noch so tut“, sagt Gross und winkt dem Turm noch einmal mit ihrer Krücke zu. Ob sie wiederkommen wird? Natürlich.

Von Linda Tonn (Text) und Samantha Franson (Fotos)

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