"Gutes Gefühl durch Messung bestärken"

Ein Professor für Bodenkunde erklärt, wieso eine weitere Bodenprobe sinnvoll sein könnte.

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JUNI 2017

Geht auf dem alten Fabrikgelände der Conti noch Gefahr von giftigem Boden aus? Warum ist es sinnvoll, kontaminierte Areale in lebenswerten Wohnraum zu verwandeln? Und können die Wasserstadt-Bewohner in ihren Gärten Gemüse anbauen? Bodenkundler Georg Guggenberger von der Leibniz Universität gibt eine Einschätzung.


Zur Person: Prof. Dr. Georg Guggenberger (54) ist Geschäftsführender Leiter des Instituts für Bodenkunde an der Leibniz Universität Hannover. Der gebürtige Würzburger studierte Geoökologie mit dem Schwerpunkt Bodenkunde an der Universität in Bayreuth und unterrichtete später an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg. Seit 2008 lehrt Guggenberger in Hannover und erhält in Kürze den Europäischen Preis für zukunftsgerechte Landnutzung der Alfred Toepfer Stiftung.

Herr Guggenberger, würden Sie sagen, dass durch die Bodensanierung keine Gefahr mehr für die Bewohner der Wasserstadt ausgeht?
Das beauftrage Ingenieursbüro hat einen tadellosen Ruf. Und ich bin mir sicher, dass die Stadt die Sanierungsarbeiten aufmerksam kontrolliert hat. Dazu ist die deutsche Bodenschutzgesetzgebung relativ streng. In der Wasserstadt entstehen Wohnflächen, Spielplätze und Gärten. Da sind die Kriterien, wie hoch die Belastung im Boden sein darf, noch einmal viel strenger als in einem öffentlichen Park oder in Industrieanlagen. Es sollte also alles in Ordnung sein. Wo Schadstoffe gefunden wurden, ist der Boden nach Angaben der Ingenieure auch entfernt worden. Insofern habe ich da ein gutes Gefühl, das ich aber durch eine weitere Messung noch einmal bestärken würde.


Eine erneute Kontrolle würde belegen, dass das Material wirklich sauber ist.


Wie meinen Sie das?
Ich würde durchaus dazu raten, noch einmal zu überprüfen, ob die benannten leichtflüchtige Chlorkohlenwasserstoffe noch aus dem Boden ausgasen oder dass Werte bekanntgegeben werden, ob nach dem Umgraben des Bodens noch irgendwelche Gase in der Bodenluft gemessen werden konnten. Eine erneute Kontrolle würde belegen, dass das Material wirklich sauber ist. Denn es wäre nur von Vorteil, wenn man als Verkäufer zeigen kann, das Ding ist ungefährlich. Aber ich gehe davon aus, dass das alles sauber gelaufen ist. Vielleicht werden in den Kaufverträgen zusätzlich Untersuchungsergebnisse vermerkt, damit der Käufer weiß, es ist alles in Ordnung.

Zwei Generationen vermischen sich im Untergrund: Der neue Boden erhält auf dem Wasserstadt-Gelände die Oberhand. Zwei Meter unter der Oberfläche ist die Erde noch leicht verunreinigt. (Foto: Oehlschläger)

Das heißt, die neuen Limmeraner können unbesorgt im Garten Gemüse anbauen?
Es macht natürlich schon einen Unterschied, ob der noch immer leicht kontaminierte Boden in einem Bereich liegt, in dem Pflanzen ihre Wurzeln schlagen. Man muss dabei aber bedenken, dass neben den bis zu zwei Metern sauberen Bodens noch einmal ein halber Meter Oberboden aufgebracht wird. Insofern sehe ich da keine Probleme. Mit der zusätzlichen Humusschicht ist Gartenarbeit uneingeschränkt möglich. Die Pflanzen, die man da anbaut, wurzeln nicht so weit nach unten.

Inwiefern ist es wichtig, dass aus ehemaligen Industrieflächen neue Wohngebiete entstehen?
Laut Umweltbundesamt wurde beispielsweise 2014 täglich eine Fläche von 69 Hektar für Siedlungs- und  Verkehrsflächen ausgewiesen, was etwa einer Größe von 100 Fußballfeldern entspricht. Dies geht meist zu Lasten von landwirtschaftlichen Flächen, welche wir zur Nahrungsmittelproduktion benötigen. Böden dienen aber auch der Gewinnung sauberen Grundwassers oder der Bindung von organischen Bodensubstanz als Humus, wodurch wir dem Klimawandel entgegenwirken. Das alte Conti-Gelände ist eine Fläche, die lange ungenutzt war. Es ist sowohl im Sinne einer Reduzierung des Flächenverbrauchs als auch für eine nachhaltige und lebenswerte Stadtentwicklung sinnvoll, dass sich Städte nicht immer weiter in ihr Umland hineinfressen. Stattdessen müssen wir alte Flächen umnutzen und neu gestalten. Damit wird auch die Qualität der gesamten Umgebung erhöht.

Georg Guggenberger erforscht an der Leibniz Universität nachhaltige Bodennutzung. (Foto: Oehlschläger)

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