Ein neues Zuhause am Wasser

100 Jahre lang war es ein Standort der Continental AG - nun sollen in der Wasserstadt Wohnungen für bis zu 3500 Menschen gebaut werden.

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JULI 2016

Einhundert Jahre lang war es der Standort der Continental AG – nun sollen auf der Landzunge im Osten Limmers Wohnungen für bis zu 3500 Menschen gebaut werden. Ein neuer Stadtteil entsteht: die Wasserstadt Limmer. Welche Visionen gibt es? Wer will dort wohnen? Und was ist mit dem verseuchten Boden?


Sie wollen die ersten sein, die eine Wohnung auf der alten Industriebrache beziehen. Ulrike Werkmeister und Dieter Kühne-Werkmeister suchen schon lange nach einem charmanten Ort als Altersruhesitz. Ihr Haus in Bemerode haben sie verkauft, wohnen derzeit in der Südstadt – jetzt können sie es kaum erwarten, bis endlich die Bagger anrollen und der Hausbau in der künftigen Wasserstadt Limmer beginnt. Lange genug hat es ja auch gedauert: 1999 hat Continental hier die Reifenproduktion abgeschlossen, seit zwölf Jahren wird saniert und vorbereitet. Jetzt soll noch in diesem Jahr der Bau für das neue Wohngebiet beginnen.
An den Wochenenden ist die riesige Sandwüste mit den Industrieruinen vielleicht das vielfältigste Freizeitgebiet Hannovers.

Hobbyfotografen fangen den Charme des Vergänglichen ein, Modellbauer lassen kleine Rennautos flitzen, Sprayer lackieren Wände in den kuriosesten Formen und Farben, bei Sonnenschein baden viele Limmeraner und Lindener im Kanal. Zuletzt hat es viel Streit gegeben um diese gigantische Brache, das Feld aus Sand, so groß wie 32 Fußballplätze. Soll hier ein beschauliches Reihenhausgebiet entstehen, oder nutzt die Stadt das Gelände in großem Stil für den Wohnungsbau? Am Ende hat es, wie so oft, einen Kompromiss gegeben. Nicht 650 Wohnungen werden gebaut wie früher geplant, aber auch nicht 2500 für bis zu 5000 Menschen, sondern etwa 1600 bis 1800. Am Ende werden es wohl 3500 Bewohner in der künftigen Wasserstadt Limmer sein.

Ulrike Werkmeister und Dieter Kühne-Werkmeister warten auf eine Wohnung in der Wasserstadt. (Foto: Tim Schaarschmidt)

Das Ehepaar Werkmeister hat sich entschieden: Die Lehrerin und der Facharzt für Psychiatrie in Rente wollen ihre Zukunft in der Wasserstadt nicht alleine gestalten. Deshalb haben sie sich einer Baugemeinschaft, der Jawa, angeschlossen, die sich ein 4500 Quadratmeter großes Grundstück im ersten Bauabschnitt sichern will – direkt an der Grenze zum alten Dorf in Limmer. 32 Mitglieder zwischen 25 und 78 Jahren wollen eine Wohnanlage schaffen, in der sie gemeinschaftlich, selbstbestimmt und altersgerecht leben können. Es soll neben den eigenen Wohnungen einen Gemeinschaftshof geben, einen Veranstaltungsraum und eine gemeinsame Energieversorgung. „Wir waren schon immer offen für Gruppen-Geschichten“, sagt der Mediziner, während er sein Fahrrad über die Sandwüste schiebt.

100 Quadratmeter, vier Zimmer und ein Blick direkt auf den Kanal – das soll hier ihre Zukunft sein. Langsam aber mischt sich Ungeduld in die Euphorie des Ehepaares, weil die Kästchen auf den Bauplänen noch immer keine reale Gestalt annehmen. „Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir nicht mehr nur noch träumen wollen“, sagt Ulrike Werkmeister. Sie wissen nicht einmal, wie viel das Grundstück der Baugemeinschaft und damit ihre Wohnung überhaupt kosten soll. Nach den Sommerferien soll der Rat endlich über den Bebauungsplan für den ersten Bauabschnitt abstimmen.


„Wir fragen uns eigentlich wöchentlich, wann wir hier endlich einziehen.“


Es gibt in Limmer Menschen, die nicht so große Eile mit der Wasserstadt haben. Seit Beginn der Planungen regt sich vor allem im alten Dorf Protest: Der Ort, in dem sie einen freien Blick auf das Wasser der Kanäle ringsherum haben, wo sie ihre Hunde ausführen und ihren Kindern auf der Straße Radfahren beibringen können, soll nun bald stark wachsen. 6200 Einwohner hat Limmer derzeit, mit 3500 weiteren wird der Stadtteil seinen Charakter verändern. Viele fürchten, dass es zu Stoßzeiten Dauerstaus auf der Wunstorfer Straße geben wird, dass die Nachbarschaften anonymer werden, dass bis zu achtstöckige Häuser die Schattenseiten der Großstadt nach Limmer bringen.

Schnell formierte sich eine Bürgerinitiative (BI), die die Planungen seitdem kritisch betrachtet. Auf den ersten Bebauungsplänen des Hamburger Planungsbüro Spengler-Wiescholek drängten sich die Wohngebäude blockartig aneinander. Jetzt schwingt ein wenig Stolz in der Stimme von BI-Sprecher Uwe Staade mit, wenn er erzählt, dass nun luftigere Quartiere mit breiten Durchgängen entstehen sollen: „Die Architekten waren froh über unsere Einwände und haben uns aufgefordert, Vorschläge auch für die weiteren Bauabschnitte zu machen,“ sagt Staade.

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Die Bewohner des Alten Dorfs hoffen, dass ihr Stadtteil in Zukunft nicht zum Nobel-Viertel wird, dass reiche Neubürger nicht die Studenten verdrängen, die das Bild von Linden-Limmer prägen, und auch nicht die Rentner und Familien mit geringerem Einkommen. In langen Dialogen wurden Kompromisse mit der Stadt erarbeitet, damit die Bebauung trotz der höheren Einwohnerzahl nicht zu dicht wird. Fest steht inzwischen auch: Mindestens 20 Prozent der Wohnungen sollen für finanzschwache Menschen bereitgestellt werden.

Im Rathaus hat man lange Zeit den Kopf geschüttelt über den Eigensinn der Limmeraner. Denn der Stadtteil profitiert. Nächste Woche nimmt Hannovers neues Gymnasium an der Wunstorfer Straße seinen Schulbetrieb auf, mehrere zusätzliche Kitas werden auf dem Wasserstadtgelände entstehen, auch Raum für Geschäfte ist vorgesehen – 3500 Menschen müssen schließlich irgendwo einkaufen. Die Ufer an Leineabstiegskanal und Stichkanal Linden werden öffentlich bleiben: Wo mehr als 100 Jahre lang Reifen, OP-Handschuhe, Kondome und andere Gummiprodukte produziert und dabei die Böden vergiftet wurden, sollen bald grüne Uferwege zum Spaziergang einladen.

Es ist eines der größten Sanierungsprojekte Niedersachsens. Anfangs wollten mehrere Firmen das Projekt gemeinsam stemmen, Unternehmer Günter Papenburg ist schließlich alleine übrig geblieben. Aufwendig mussten Böden saniert, Fabrikschornsteine gesprengt und Tausende Kubikmeter Schutt recycelt werden. Bis heute ist unklar, wie die letzten, stark mit krebserregenden Nitrosaminen vergifteten Fabrikruinen genutzt werden können. Auch dabei will die Initiative mitreden – schließlich geht es um ihren Stadtteil.

„Wir werden gehört, wenn wir nur genug Rabatz machen“, sagt BI-Sprecher Staade. Allen sei klar, dass Wohnungen gebaut werden müssen. Nur das Wie stellen die Bürger immer wieder infrage – ein Ringen um die beste Lösung. „Es ist gut, wenn kritische Instanzen die Planungen begleiten“, sagt Staade, als er unter dem Wasserturm steht, im Zentrum des künftigen Quartiers, den er trotz aller Kritik fast schon ein wenig lieb gewonnen hat.

Auch die Werkmeisters wollen sich hier bald heimisch fühlen. „Hier ungefähr soll unsere Wohnung gebaut werden“, sagt Ulrike Werkmeister, als das beim Rundgang das Ostende der Sandwüste erreicht hat. Wenn man die Augen schließt, kann man sich schon fast die Häuser vorstellen, die hier in Kürze wachsen sollen.

Die Bewohner

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