"Wir bauen uns unsere Nachbarschaft"

Katja Riedel wird in der zukünftigen Wasserstadt wohnen – dort, wo sich einst das KZ Limmer befand.

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AUGUST 2016
Noch steht kein einziges Haus auf dem Gelände – doch schon jetzt gibt es viele Menschen, die sich über ihren Einzug in eine der neuen Wohnungen Gedanken machen. Eine davon ist Katja Riedel. „Ich glaube, wenn es fertig ist, dann gilt auch für mich die Aussage: So schön habe ich noch nie gewohnt“, meint die 49-Jährige.

In ihrer Fantasie kann sich Katja Riedel die Häuser bereits vorstellen: Mehrgeschossig mit kleinem Innenhof in der Nähe des Wassers – mit Ausblick aufs Grüne und auf die beiden Kanäle, die die zukünftige Wasserstadt in Limmer einrahmen werden. „Der Wunsch ist grenzenlos, dass hier irgendetwas passiert“, sagt die 49-Jährige, die in der Personal- und Organisationsentwicklung bei Volkswagen in Stöcken arbeitet.

Katja Riedel steht im Sand auf dem Gelände zwischen altem Dorf und Conti-Turm, das – abgesehen von der querenden Straße – noch Brachland ist. Anfang des kommenden Jahres soll der Wunsch von Riedel endlich in Erfüllung gehen. Wenn alles klappt, sollen dann die Grundstücke des ersten Bauabschnittes verteilt sein – und der Bau der ersten Gebäude auf dem Gelände der ehemaligen Gummifabik beginnen.

Katja Riedel plant, gemeinsam mit einer Baugruppe, ein neues Zuhause in der Wasserstadt zu finden. (Foto: Kutter)

„Noch haben wir keine Planungssicherheit“, sagt Riedel, die sich der Baugemeinschaft JAWA (Jung und Alt am Wasser) angeschlossen hat. Die Gruppe möchte sich ein 4500 Quadratmeter großes Grundstück im ersten Bauabschnitt sichern.
Die 32 Mitglieder im Alter von 25 bis 78 Jahren wollen sich eine Wohnanlage schaffen, in der sie gemeinschaftlich und selbstbestimmt leben können. „Wir bauen uns unsere Nachbarschaft“, sagt Riedel. Noch steht aber nicht fest, wie groß das Grundstück sein wird, das die Baugruppe bekommt – geschweige denn, wie die Architektur aussehen wird, wer welche Wohnung bekommt und wie diese zugeschnitten sein wird. „Es ist eine Gleichung mit unendlich vielen Unbekannten“, gesteht Riedel.

Trotzdem ist die 49-Jährige des Planens noch nicht müde. Das mag daran liegen, dass sie erst vergleichsweise kurz zu den JAWA-Mitgliedern gehört. Seit etwa eineinhalb Jahren beteiligt sie sich an der Planung und den Sitzungen der Gruppe. Noch, sagt Riedel, koste sie den Beteiligungsprozess aus. Fragen zur Gestaltung des Wohnens, zum Miteinander – alles wird diskutiert. Ein Prozess, den die 49-Jährige als sehr spannend empfindet. „Wie klärt man das, wenn 20 Leute in den vierten Stock in Ost-West-Richtung ziehen wollen?“, fragt sie. Ihr selbst komme zugute, dass sie als Alleinstehende und ohne besondere Wünsche wahrscheinlich am beweglichsten sei. 70 Quadratmeter sollen es am Ende etwa werden – und der Noch-Lindenerin ein dauerhaftes Zuhause bieten.


„Der Wunsch ist grenzenlos, dass hier irgendetwas passiert“


Dabei erzählt Riedel auch, dass sie am Anfang vor den Schautafeln zur Wasserstadt gestanden habe und dachte: „Das würde ich nie machen.“ Neubaugebiet statt idyllischer Altbauwohnung oder stylischem Loft? „Für mich ist wichtig, auf der einen Seite Leute drumherum zu haben, aber gleichzeitig die Tür zumachen zu können. Das passte auf die Wasserstadt“, sagt sie. Riedel informierte sich über Baugruppen und wie die Planungen ablaufen. Besonders ein Teilnehmer, der seine Erfahrung teilte, blieb ihr im Gedächtnis. „Er sagte, der Prozess sei aufwendig gewesen. Aber am Ende habe er so schön gewohnt wie noch nie.“

Auch die Diskussion um den kontaminierten und ausgetauschten Boden nahm der 49-Jährigen nicht den Willen, in die Wasserstadt einzuziehen. Lediglich einmal mussten sie und ihre Gemeinschaftmitglieder schlucken. Die Gruppe hatte sich zu einer ihrer Sitzungen einen Akteur der Gedenkstätte eingeladen. Das Grundstück, so die Vorstellung der Baugruppe, soll im ersten Bauabschnitt direkt ans alte Dorf grenzen und in der Nähe der Gedenkstätte liegen. „Wir dachten, dass wir an das ehemalige Konzentrationslager angrenzen“, sagt Riedel. Ein Irrtum. Auf alten Plänen ließ sich der Standort des KZ Limmer genau festmachen. „Es wurde klar: Wir grenzen nicht an das KZ, wir sind das KZ“, sagt die 49-Jährige. Der Schrecken sei zunächst groß gewesen. Nachdem er sich gelegt hatte, entschied sich Riedel, aus dem historischen Standort für sich ein positives Leitbild zu generieren. „Diese Frauen haben Widerstand geleistet. Das hat eine Symbolkraft, mit der ich sehr gut klar- komme“, sagt sie. Unterstützt wird dies durch den Plan, die Straßen in der Wasserstadt womöglich nach den im KZ inhaftierten Frauen zu benennen.

Wann das sein wird, ist noch immer nicht klar. Ende 2018, so der Planungsstand, könnten Riedel und ihre Baugruppe in den eigenen vier Wasserstadt-Wänden leben und der Traum von der selbst gebauten Nachbarschaft wahr geworden sein. „Ich glaube, wenn es fertig ist, dann gilt auch für mich die Aussage: So schön habe ich noch nie gewohnt.“

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