"Limmer war immer ein Dorf"

Heimatforscher Rudolf Lotze fürchtet den Einfluss der Wasserstadt auf den Charakter des Stadtteils

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SEPTEMBER 2016

Rudolf Lotze sammelt alles, was er über seinen Stadtteil finden kann. Der 77-Jährige kennt Limmer wie kein anderer. Mit Sorge betrachtet er, was sich auf dem ehemaligen Continentalgelände tut, mit dem er vor allem eines verbindet – bunte Gummibälle.


Mit dem alten Continentalgelände am Kanal verbindet Rudolf Lotze vor allem eines – bunte Gummibälle. „Die haben die Mitarbeiter uns Kindern früher immer über den Zaun geworfen“, erzählt der 77-jährige Ur-Limmeraner. Seinen Stadtteil kennt er wie wohl kein anderer. Über Continental und das Wasserstadtgelände kann er viel erzählen, denn der Rentner hat es sich zur Aufgabe gemacht, jedes Detail von Limmers Geschichte genauestens zu dokumentieren. Dass jetzt allerdings auf dem alten Fabrikgelände Wohnraum für mehr als 3000 Menschen entstehen soll, bereitet ihm Kopfzerbrechen.

„Das Projekt Wasserstadt hat uns Bürger geschockt. Die Einwohnerzahl wird sich verdoppeln. Dafür ist Limmer nicht gemacht“, sagt Lotze. Vor allem die älteren Limmeraner hätten Angst, dass sich alles ändert. Dabei denkt der passionierte Heimatforscher, der in seinem Geburtshaus lebt und jeden Winkel seines Stadtteils erforscht hat, nicht nur an Greifbares wie die aus seiner Sicht nicht vorhandene Infrastruktur oder die zugebauten Freiflächen.

Viel eher fragt er sich, was die neuen Bewohner der Wasserstadt und die Generationen nach ihnen noch vom alten Limmer wissen werden: „Die Bebauung wird die Mentalität der Menschen verändern.“ Vor Lotzes innerem Auge verdrängen die vielen modernen Häuser den bäuerlichen Ortskern und die Geschichten, die sich um die engen Sträßchen, die alte St.-Nikolai-Kirche und die kleinen Bauernhäuser ranken. Geht es nach ihm, darf der Charme eines Bauerndorfs, das sich eng an die Großstadt Hannover schmiegt, nicht verloren gehen. „Limmer ist immer noch ein Bauerndorf“, sagt der 77-Jährige. Das solle auch so bleiben.

Die Geschichte des Stadtteils reicht bis ins späte 12. Jahrhundert zurück, als sich um die Burg Limere eine Siedlung bildete. Vermutlich seien aber schon Jahrhunderte vor Christi Geburt Nomaden in dieser Gegend gewesen, sagt Lotze. Später hätten sich hier Menschen angesiedelt, den Wald gerodet und Äcker bestellt, um Getreide anzubauen. Lange Zeit lebten die Menschen relativ einfach und bescheiden, einige niedrige Häuser und Backsteingebäude erzählen heute noch davon. Erst 1909 wurde Limmer zu Linden eingemeindet, 1920 kam der Anschluss an Hannover.


„Das Projekt Wasserstadt hat uns Bürger geschockt. Dafür ist Limmer nicht gemacht.“

Leidenschaftlich sammelt Heimatforscher Lotze alles, was er über den Stadtteil finden kann. Seit er seine Arbeit als Malermeister an den Nagel gehängt hat, widmet er seine ganze Freizeit alten Fotos, Briefen, Plakaten und Schildern, die er auf Auktionen ersteigert oder von Sammlern geschenkt bekommen hat. Reihenweise drängen sich die Aktenordner in seinen Regalen aneinander, in denen er die Originaldokumente säuberlich beschriftet und zusammengestellt hat: Einen Ordner zum alten Conti-Werk, einen zur St-Nikolai-Kirche, einen zum Fössebad oder auch zur Wasserkunst in Limmer.
Auf einem der ersten Bebauungspläne für die Wasserstadt Limmer drängten sich die Neubauten noch dicht aneinander. Lotze hat ihn ausgeschnitten und archiviert – für später.

Seit 2005 organisiert Lotze mit dem Archivausschuss der Kirchengemeinde St. Nikolai in der Kirche regelmäßige Ausstellungen zur Geschichte Limmers. „Dabei setze ich mir immer einen Schwerpunkt, und dann suche ich die spannendsten Dokumente heraus“, verrät Lotze. Gerade arbeitet er an einer Ausstellung zum Lindener Hafen, der im kommenden Jahr 100 Jahre alt wird. Lotzes Ausstellungen sind jeden zweiten und dritten Sonntag im Monat jeweils von 15 bis 17 Uhr in der St.-Nikolai-Kirche an der Sackmannstraße zu sehen.

Ob er auch schon über eine Ausstellung zur Wasserstadt Limmer nachgedacht hat? Ganz abwegig erscheint Historiker Lotze diese Idee nicht. Doch bevor er sich in die Arbeit stürzt, wartet er lieber ab: „Die müssen erst einmal anfangen zu bauen.“

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