Der Tanz auf der Conti-Ruine

Wenn die Industrie geht, rückt Subkultur nach. Auch die baufälligen Gebäude und die Türme am Rand der künftigen Wasserstadt locken urbane Abenteurer - und werfen Sicherheitsfragen auf.

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SEPTEMBER 2017

Eigentlich sind die alten Conti-Gebäude in Limmer seit Jahren verlassen. Eigentlich. Doch ruhig ist es dort nicht. Man kennt das: Wenn die Industrie geht, rückt Subkultur nach – zum Leidwesen der Polizei.


Hip-Hop-Musik dröhnt durch glaslose Fenster, Wände bröckeln, Balken sind morsch. Die Wände sind voller Graffiti, teils kunstvoll, teils Geschmier. In einem großen Raum haben BMX-Radler Rampen und Hindernisse für ihr Training aufgebaut. Und manche steigen der alten Conti-Ruine aufs Dach – ein Geheimtipp für die Beobachtung schöner Sonnenuntergänge mit etwas postindustrieller Kulisse. Erstaunlich, welche Anziehungskraft der Wildwuchs auf der Conti-Brache vor allem auf junge Hannoveraner ausübt, kurz bevor die Verwandlung in einen geordneten neuen Wohnstadtteil beginnt.

„Es ist unglaublich gefährlich in den Gebäuden“, sagt Martin Pietsch, Geschäftsführer der Wasserstadt Limmer Projektentwicklungs-GmbH (WLEG). „Es sitzt vieles nicht mehr so fest, wie früher mal.“ Große Schilder an den Gebäudewänden weisen neuerdings auf die Gefahren hin. „Betreten verboten! LEBENSGEFAHR“ steht darauf. Darüber droht eine zurückweisende Hand. „Die Eigentümergesellschaft hat diese Schilder erst Ende Juli aufgehängt“, sagt Pietsch. „Sie sind nicht zu übersehen.“ Zusammen mit den Eigentümern hofft er, dass die Hemmschwelle, das Gebäude zu betreten, dadurch größer wird. Tolerieren will er den Tourismus jedenfalls nicht.

Trainingsstrecke: Hier haben BMX-Radler Rampen gebaut.

Wenn die Besucher auf dem Gelände, das zukünftig Teil der Wasserstadt sein wird, erwischt werden, droht ihnen eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch und ein Platzverweis. „Seit Januar haben wir über 50 Einsätze auf dem gesamten Wasserstadt-Gelände“, sagt Sören Zimbal, Sprecher der Polizei. „Gerade in den Ferien häufen sich die Vorfälle.“ Den Beamten ist bewusst, dass die alten Ruinen vor allem für junge Leute eine Attraktion sind. „Wir fahren dort häufiger Streife“, sagt Zimbal. „Dabei geht es uns nicht darum Jugendliche zu verfolgen, sondern zu verhindern, dass schwere Unfälle passieren.“

Häufig beschmieren die Eindringlinge Wände oder werfen Scheiben ein. Dann kommt die Polizei. Es darf nicht groß verwundern, dass die jungen Besucher in der Aufwallung urbaner Abenteuerlust die Schilder ignorieren. Noel und Lilli , beide 13 Jahre alt, haben sich nur kurz abschrecken lassen. „Ich hatte kurz Angst, dass etwas passieren könnte“, sagt Noel, „aber die Neugierde war größer.“ Seine Begleiterin gibt zu, dass sie Angst hatte, erwischt zu werden. „Aber man muss auch mal verbotene Sachen machen“, sagt Lilli.


„Es geht nicht darum, Jugendliche zu verfolgen, sondern zu verhindern, dass schwere Unfälle passieren.““


Carolin kommt alle drei Monate auf das Gelände, um mit ihrer analogen Kamera Fotos von der besonderen Kulisse zu machen. Die 22-Jährige sagt, dass sie die Schilder abgehalten hätten reinzugehen, wenn sie nicht schon vorher mehrere Male in den Räumen gewesen wäre. „Bisher habe ich noch keinen Sicherheitsdienst gesehen“, sagt die 22-Jährige. Sie weiß, dass das Betreten der Gebäude verboten ist – und sie bedauert, dass ein so imposantes Gebäude für die Öffentlichkeit nicht zugänglich sein soll. „Wenn ich eine Anzeige bekomme, dann ist das halt so“, sagt sie selbstbewusst mit Blick auf ein mögliches Auftauchen der Polizei.

In die Gebäude zu gelangen, ist tatsächlich kaum mehr als ein Kinderspiel. Nur an einigen Stellen stehen einzelne verrostete Bauzäune, und ein Sandwall schirmt den Innenhof ab. Martin Pietsch hält es für wenig nützlich, einen Zaun komplett um das Gelände zu bauen. „Das haben wir schon versucht. Aber bisher wurden alle Hürden, die wir aufgestellt haben, mit krimineller Energie überwunden.“ Höhenretter der Feuerwehr mussten bereits Kinder vom alten Conti-Turm, dem Wahrzeichen des Areals, bergen.

Bereits vor zwei Jahren gab es einen Versuch der Eigentürmergeselschaft, Gebäude und Gelände durch einen Sicherheitsdienst zu schützen – erfolglos. „Wir können ja nicht an jedem Eingang jemanden hinstellen“, sagt Pietsch. Also, was tun? „Mehr als immer wieder auf die Lebensgefahr hinzuweisen, können wir ja nicht machen“, sagt Pietsch.

Paula, 14, hat ihrer Mutter und ihrer Freundin Agnes aus Frankreich baufälligen Gebäude von innen gezeigt – als Touristenführerin quasi. „Sie wollte eine Sehenswürdigkeit von Hannover sehen, und da habe ich sie hierher geführt“, sagt das Mädchen aus Linden. Sie ist wöchentlich auf dem Gelände. Ihre Freundin ist begeistert. „Man sollte daraus eine riesige Disco machen“, schwärmt die Französin. Andere träumen von Kunstausstellungen, einem Kulturzentrum mit Workshops, von öffentlichen Führungen bei Tag und Nacht. Nur für den Abriss mag sich keiner begeistern.

Von Julia Polley (Text) und Nils Oehlschläger (Fotos)

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